Artist Statement

Durch foto-choreografische Raumforschung befrage ich die Wertschätzung all dessen, was uns umgibt. Ich suche die Sichtbarkeit und Ausdrucksform von Lebenskreisläufen und bediene mich dabei der Fotografie.

petra lehnardt-olm, 2017

MenschenLAND
Iko Chmielewski, 2017

Der Neuenburger Urwald zieht seit fast 200 Jahren Künstler in seinen Bann. Die Urwüchsigkeit der ungebändigten Natur sind Inspiration und beliebtes Motiv, das in unzähligen Zeichnungen, Drucken und Gemälden verewigt wurde.
Im Juni 2016 arbeitet die Künstlerin Petra Lehnardt-Olm während der Neuenburger Kunstwoche Körper und Kunst im Neuenburger Urwald und der Friesischen Wehde. Wie ihre Künstlerkollegen sucht sie zunächst auch den einen Blickwinkel, der aus der reinen Natur ein Erlebnis und den besonderen Lichteinfall, der aus einem flüchtigen Augenblick eine Offenbarung macht.
Doch ihr Motiv ist nicht die Natur. Petra Lehnardt-Olm bringt statt dessen den nackten Menschen dorthin zurück und arbeitet hierfür mit verschiedenen Modellen (Menschen) zusammen – muss sich auf unterschiedliche Temperamente und Charaktere einlassen. Für eine bestimmte Mensch-Raumsituation liefert die Künstlerin eine Anfangsidee und überlässt es dann dem jeweiligen Modell sich so in die Situation einzufinden, wie es ihrem Wesen und ihrer Stimmung entspricht. In einem dynamischen Prozess entstehen Momentaufnahmen, in denen der Mensch im völligen Einklang mit der Natur, der jeweiligen Umgebung zu verschmelzen scheint. Um die Ausdrucksstärke der Fotos zu erhöhen oder den Blick des Betrachters auf das Wesentliche zu lenken, überarbeitet die Künstlerin Petra Lehnardt-Olm in einem nachgelagerten Arbeitsprozess eine Auswahl der Fotos in ihren Kontrasten und nutzt oft das Mittel der Farbreduzierung. Dennoch lassen die Fotos genügend Spielraum zu eigenen Gedanken und Interpretationen . . .  und das ist auch gut so.

Iko Chmielewski
Kulturkoordinator Zetel, 2017

setzen, stellen, legen - LEER!
   Orte in Deutschland
Angelika Liebhart, 2016

Die Künstlerin zeigte bereits in ihrer vergangenen Ausstellung „VERLASSEN – Orte in Deutschland“ ähnliche Bilder. Sie sucht – nein sie findet diese überall. Wer wie Petra Lehnardt-Olm mit offenen Augen und einem sensiblen Blick seine Umgebung wahrnimmt und sich von ihr in den Bann ziehen lässt, der kann mit diesen Zeitdokumenten ganze Geschichten erzählen. Durch ihr „digitales Auge“ festgehalten, lässt sie auch uns ihrem Blick folgen, um die vom Menschen zurückgelassenen und sich selbst überlassenen Situationen näher in Augenschein zu nehmen.
Dabei ist es nicht wichtig, ob ein Ort nun in Berlin oder Brandenburg – oder weitab davon liegt. Der gezeigte Blickwinkel der Bilder geht meist ins Detail und lässt die genaue Ortsbestimmung außen vor. Diese wird geradezu unwichtig, weil wir alle solche Orte kennen. Ein jahrelang nicht begangener Dachboden; eine unbewohnte Gartenlaube, in der noch die letzte Gartenfeier nachhallt; ein verlassenes Fabrikgelände, mit Regalen voller verrosteter Schrauben; eine Waschecke, in der sich Laub angesammelt hat - ein Innen- oder Außenbereich? Die Dreidimensionalität verschwindet. Tapeten lösen sich von den Wänden. Innen und Außen verschmelzen zu einem Gesamtbild. Dort, wo in früherer Zeit zumeist ein reges Treiben herrschte, an der Tankstelle, am Hochofen, im Materiallager, im Heizraum und im gemeinschaftlichen Waschraum herrscht heute Stille. Die einst als Sinnbild für Konsum und Werbung stehenden Schaufensterpuppen finden ein trauriges Ende in einem verlassenen Keller. Ein Kinderwagen, sonst mit Kinderlachen oder -weinen assoziiert, wurde hier kopfüber aufgehängt - / erhängt?
Setzen, stellen, legen. Viele der romanischen Sprachen, ausgehend vom Lateinischen begnügen sich mit einem einzigen Wort (ponere, posare, poser, to put). Im Deutschen werden sehr viel differenzierter unterschiedliche Begriffe für die einzelnen Zustandsformen verwendet. Und ob wir nun setzen, stellen oder legen meinen, macht doch einen großen Unterschied. Genau genommen müssen wir bei unserer Betrachtung noch weiter gehen und jeweils die Begriffe setzen - sitzen, stellen – stehen, legen – liegen gegenüberstellen. Dann stellen wir fest, dass auf der einen Seite bloße Positionsbeschreibungen vorliegen, während im Fall der Begriffe des Ausstellungstitels Positionsveränderungen beschrieben werden. So statisch, wie die Bilder auf den ersten Blick aussehen, sind sie nicht. Es geht nicht um einen Zustand, sondern um aktive Veränderung, um die Wahrnehmung der Zeit. Liegen kann etwas nur, wenn es zuvor von jemandem gelegt wurde. Aber auch durch Passivität tritt Veränderung ein, durch mangelnde Obhut und Sorge für eine Sache entsteht Verfall, der dann als Veränderungen erkennbar wird. Die leisen Töne des Verfalls wurden von Petra Lehnardt-Olm sehr poetisch und sensibel eingefangen und als fotografische Zeitdokumente eingefroren.
Den zweiten Teilaspekt des Titels „LEER“ kann man nur im Sinne von „menschenleer“ deuten. Die Bedeutung „ohne Inhalt, nichts enthaltend“ trifft für die Bilder nicht zu. Auch wenn der ursprüngliche Zusammenhang durch die Auflösung des Kontextes verloren ist, formt sich beim Betrachter ein Gefühl der Leere und Verlassenheit. Der Mensch nimmt sich zurück und beobachtet. Die Fotografin übernimmt die Rolle der Mittlerin, die mit einfühlsamem Blick uns auf die Veränderungen hinweist. Ihr Blick schaut hinter die Fassade, schaut selbst durch Mauern, schaut in die Vergangenheit und bringt uns damit auch unsere Geschichte nahe.
So sind die Bilder also nur vordergründig LEER, erzählen vielmehr sehr detailreich bewegte Geschichten. Zu den Begriffen setzen, stellen, legen möchte ich zur Vervollständigung noch das Wort hängen hinzufügen. Ich wünsche der Ausstellung viele interessierte Besucher, die sich nicht scheuen, den Blick hinter die Fassade zu wagen und die Freude beim „Betrachten der verronnenen Zeit“ verspüren.

Angelika Liebhart, Galeristin, 2016

setzen, stellen, legen - LEER!
   Orte in Deutschland
Brigitte Lange, 2016

Die Reinickendorfer Künstlerin Petra Lehnardt-Olm hat im SPD-Bürgerbüro in Berlin-Waidmannslust von Mai bis Juli 2016 neue fotografische Arbeiten gezeigt. Der Titel ihrer Ausstellung „setzen, stellen, legen – LEER! Orte in Deutschland“ knüpft an ihre Fotografie-Ausstellung „Verlassen“ vom Vorjahr am selben Ort an. Die bisher unveröffentlichten Fotografien sind eine kunstvolle, dabei immer authentische Weiterentwicklung ihrer Werkreihe zum Gebäudeleerstand in Deutschland. Petra Lehnardt-Olm gelingt es, an verlassenen Räumen und Orten eine unverstellte Ästhetik durch Leere und Verwandlung ohne eigenen Wertung sichtbar zu machen. Die Besucher fühlten sich angeregt, über Leerstand, Entwicklung und Nutzung von Standorten konstruktiv zu diskutieren. Die Künstlerin stellt mit ihren fotografischen Zeitdokumenten einen Bezug zum aktuellen Geschehen her und lädt gleichzeitig ein, hinter die Fassade zu schauen und sich mit der eigenen Wahrnehmung der Zeit auseinanderzusetzen. Ich möchte das Wirken von Petra Lehnardt-Olm unterstützen und empfehle sie gern weiter.

Brigitte Lange, MdA, kulturpolitsche Sprecherin
der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, 2016

setzen, stellen, legen - LEER!
   Orte in Deutschland
Andreas Geisel, 2016

Als Fortsetzung der Fotografie-Ausstellung „VERLASSEN“ hat die Reinickendorfer Künstlerin Petra Lehnardt-Olm von Mai bis Juli 2016 im SPD-Bürgerbüro in Berlin-Waidmannslust fotografische Arbeiten unter dem Titel „setzen, stellen, legen – LEER! Orte in Deutschland“ gezeigt. Am 7. Juli 2016 habe ich diese Ausstellung besichtigt und empfehle ihre Arbeit aufgrund der sehr überzeugenden Weiterentwicklung ihrer Werkreihe zum Gebäudeleerstand in Deutschland weiter. Die Fotografien von Petra Lehnardt-Olm sind Zeitdokumente mit Bezug zum aktuellen Geschehen, sie machen aufmerksam und fordern auf zu Blickwechseln und intensiven Diskussionen. Für mich war dieser Besuch der Folgeausstellung ausgesprochen interessant. Ich wünsche der Künstlerin noch viele weitere Gelegenheiten, ihre Werke zu zeigen und unterstütze ihre Arbeit gerne.

Andreas Geisel
Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, 2016

WASSER
Edda Grossmann, 2015

Kunst ist für mich, den Alltag mit anderen Augen zu betrachten und so die Aufmerk-
samkeit für alles, was selbstverständlich geworden ist zu erhöhen
, sagt die in Berlin lebende und arbeitende Künstlerin Petra Lehnardt-Olm.
Als ich mir zum ersten Mal das Kalenderblatt Januar mit dem poetischen Titel Stilles Weiß anschaute, wurde mir unmittelbar bewusst, dass Wasser an sich weder Farbe, Form noch Klang hat. Bei der Betrachtung aller dreizehn stillstehenden Fotos zum Element Wasser machte ich als Malerin die Erfahrung, dass mein Sehen sich veränderte; ich sah plötzlich mit anderen Augen.
Als Materie ist Wasser die Voraussetzung alles Lebendigen, Wasser ist aber auch, wie jeder weiß, in der Lage zu zerstören und zu töten. Die Fotos von Petra Lehnardt-Olm spielen mit dieser abgründigen Doppeldeutigkeit, indem sie diese in statische Bilder verwandelt. Das nasse Element des Wassers verwandelt sich in den Augen des Betrachters damit zum Bild. Als Wiedererkennung oder inhaltliche Orientierung hat die Künstlerin den Fotos kurze beschreibende Titel beigegeben, wie zum Beispiel im Dezemberblatt Atlantik bei Ebbe. Beinahe unmerklich entwickelt sich beim Betrachter eine zeitlose Innenschau, die den wandernden fotografischen Blicken Petra Lehnardt-Olms folgt. Es entsteht die Bildbotschaft, als könne Wasser unendlich viele Windungen durchlaufen, aber die Richtung zum ewigen Ziel, dem Meer, dabei nicht verfehlen.
Ein Fotokalender entblättert sich üblicherweise als ein zeitgerafftes, vollendetes Jahr. Der Titel des Kalenders Wasser assoziiert indessen die Möglichkeit, bei den zwölf Momentaufnahmen inne zu halten, um der fließenden Zeit im Bild des Wassers Einhalt zu gebieten, denn nur die Kunst kann dem „Panta rhei“ (alles fließt) der Zeit entkommen.

Edda Grossman, Künstlerin, 2015

VERLASSEN
Caroline von Lengerke-Schröder, 2015

Petra Lehnardt-Olm lässt den Blick dort ruhen, wovon andere sich längst abgewandt haben. Ihre Fotografien führen uns an Orte des Verlassen-Seins, des Verlassen-Werdens, des Verlassens. Ihr Blick ruht offen, wie wartend auf diesen Orten, wie auch diese selbst ruhen –zurückgelassene Zeugen von etwas, das an ein Ende gekommen ist. Ihr Blick gibt uns Raum und Zeit, uns einzuleben – und plötzlich kann etwas Neues in Erscheinung treten: da gerät etwas in Bewegung, wird etwas wie Aufbruch spürbar. Diesmal aber ist es nicht der Eindruck eines Gegebenen, das außerhalb des Betrachters vorhanden ist. Stattdessen taucht jetzt von innen heraus, wie vor einem inneren Blick etwas auf, das nach dem Vorher und Nachher zu fragen beginnt. Durch das Nadelöhr des ruhigen, urteilsfreien Blickes kann plötzlich im Verkommenen die Schönheit in Erscheinung treten, gerät das scheinbar Statische unversehens in Bewegung, wird im Zuende-Gekommenen ein Anfang spürbar, wird im Verlassenen Vergangenheit und mögliche Zukunft lebendig – kurz: Betrachtung wird zur Aktivität.
In einer Zeit der allgegenwärtigen Manipulation durch Bilder erzählen die Fotografien Petra Lehnardt-Olms authentische Geschichten, die den Betrachter einladen, selbst innerlich schöpferisch Anteil zu nehmen.

Caroline von Lengerke-Schröder, Tanzforscherin und Eurythmistin, 2015

VERLASSEN
Brigitte Lange, 2015

Die Reinickendorfer Künstlerin Petra Lehnardt-Olm hat im SPD-Bürgerbüro in Berlin-Waidmannslust Werke des Zyklus "VERLASSEN" von März bis Juni 2015 gezeigt. Ihre Arbeiten zum Gebäudeleerstand in Deutschland haben einen gesellschaftspolitischen Bezug, sie ermöglichen dem Betrachter einen individuellen Zugang über "Sehen und Fühlen" zum aktuellen (politischen) Geschehen. Die Ausdruckskraft dieser Werke, die sich in der positiven Resonanz beim Publikum sowie in vertiefenden Diskussionen zeigte, hat mich veranlasst, eine weitere Ausstellung zu diesem Thema im Frühjahr 2016 - als Weiterentwicklung - durchzuführen. Ich möchte das Wirken von Petra Lehnardt-Olm unterstützen und empfehle sie gern weiter.

Brigitte Lange, MdA, kulturpolitsche Sprecherin
der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus
, 2015

VERLASSEN
Andreas Geisel, 2015

Die Reinickendorfer Künstlerin Petra Lehnardt-Olm hat im SPD-Bürgerbüro in Berlin-Waidmannslust Werke des Zyklus "VERLASSEN" von März bis Juni 2015 gezeigt. Zur Finissage am 26. Juni 2015 war ich als Gastredner eingeladen und konnte mich vom gesellschaftspolitischen Bezug ihrer Fotografien zum Gebäudeleerstand in Deutschland überzeugen. Ausgehend von der Fotografie eines mir bekannten Gebäudes in Berlin, zu dessen früherer Nutzung ich näheres berichtete, entwickelten sich interessante Gespräche über die Zwischen- und Nachnutzungen verlassener Gebäude. Petra Lehnardt-Olm gelingt es mit ihren künstlerischen Mitteln, Fotografien mit nachhaltigem Dokumentationscharakter zu schaffen. Gern unterstütze und empfehle ich die Arbeiten von Petra Lehnardt-Olm weiter.

Andreas Geisel
Senator für Stadtentwicklung und Umwelt
, 2015

Transparenz und Raum
Thomas Rieser, 2014

Für Petra Lehnardt-Olm birgt das Verdeckte, Verwelkte und Zerbrochene Eingänge in Erzählungen. Es sind Geschichten von Räumen, die sich entfalten und neue Grenzen schaffen, wodurch sich unsere Ansichten öffnen und anders als gewohnt wieder zusammensetzen. Lehnardt-Olm schaut dorthin, wo wir unseren Blick weiterziehen lassen. Sie lässt sich auf Orte ein, deren Reiz sich durch das Zusammenspiel mehrerer Ebenen ergibt. Mit Zeit und Ruhe spiegeln sich Ansichten wieder, die Momente von Geschichten in sich tragen. Es sind Erzählungen, die es vorher so nicht gab, und die sich bei jedem anders weiterspinnen, wenn wir so zum Tag- und Nachtträumen angeregt und verleitet werden. Mit den Bildern bekommen wir Zeit geschenkt, unsere Gedanken schweben, und den Tag, die Monate und das Jahr mehr als bloß Möglichkeiten für Termine sein zu lassen.

Thomas Rieser, Kunstwissenschaftler, 2014

Zeit
Alexandra Sonntag, 2013

Betrachte ich die Zeichnungen, Objekte und Installationen von Petra Lehnardt-Olm, muss ich an Spuren denken, an Einschreibungen, an Datierungen oder auch an Gegenstände und Untersuchungen aus dem Bereich der Archäologie. Petra Lehnardt-Olm beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit dem Gegenstand und seiner Kontextgebundenheit und damit selbstverständlich auch mit dessen materieller Beschaffenheit.

Mir scheint der Faktor Zeit dabei als ein ganz wesentlicher Aspekt ihrer Herangehensweise in den Vordergrund zu treten. Zeit als der große Dramaturg bei der Veränderung von Fundstücken durch witterungsbedingte Erosion und Oxidation sowie Verwesung. Zeit als Idee eines linear chronologischen Ablaufs, der sich in Form eines Erinnerungsspeichers im Gegenstand manifestiert.

Zeit aber auch als Spur des künstlerischen Arbeitsprozesses auf dem Blatt, auf der Leinwand, sogar als prozessuale Einschreibung in das Werk. Wenn der Knochen wie in einer Rollbewegung über die Leinwand gelaufen zu sein scheint, und der gesamte Bewegungsablauf sowie die dafür benötigte Zeitspanne zeichnerisch dokumentiert sind. Oder etwa, wenn jedes Wirbelknöchelchen am Objekt sorgfältig zeichnerisch benannt ist, der Prozess buchstäblich eingeschrieben ist. Schließlich die Überarbeitung von Knochen und Geweihen, die Schicht um Schicht den künstlerischen Prozess dokumentiert und so das Objekt hinter seine Ummantelung zurücktreten lässt.

Womit wir bei den Metamorphosen sind, die der Bildgegenstand der Zeichnung wie auch das Objekt im Werk von Petra Lehnardt-Olm durchlaufen. Zufällig Gefundenes – auch Fetzen - werden geborgen und sorgfältig in die Komposition eingefügt, dabei bewegt sich der zeichnerischen Gestus zunehmend Richtung Auflösung der Form. Es wird geschichtet, übereinander gelegt, wieder ausgekratzt. Fast immer bleiben Spuren der verschiedenen Arbeitsphasen sichtbar. Wie ein Archäologe hat der Betrachter die Möglichkeit, das Artefakt zu lesen, Herkunftsquellen auszumachen und den Bezugsrahmen, in den es die Künstlerin gehoben hat, zu interpretieren.

Alexandra Sonntag, Künstlerin, 2013

Fundstücke, Metamorphosen
   und Zeitspuren

Dagmar Röpke, 2013

Der Titel ist umfassend, vielfältig. Er ist ein tatsächliches Abbild der Arbeiten von Petra Lehnardt-Olm. Die „Fundstücke“ stehen als erstes im Titel. Mit ihnen fängt vieles an – im Werk der Künstlerin – im Leben überhaupt? Diese Fundstücke setzt sie neu zusammen. (...)  Es finden Metamorphosen statt. Umwandlungen, bei denen Spuren aus allen Phasen sichtbar bleiben. Zeitspuren. (…) "Fundstücke, Metamorphosen und Zeitspuren": das finden wir in Malerei, Zeichnung, räumlicher Arbeit und Grafik. Das Entstehen von Neuem geschieht sowohl auf einer inneren – nicht sichtbaren - Ebene, als auch auf auf einer äußeren – sichtbaren – Ebene. Wir spüren das Fließende, die ständige Veränderung, die kostbaren Augenblicke. Wir spüren Vergänglichkeit, Absterben, Auflösung. Wir spüren den Lebenskreislauf des Werden und Vergehens. (…) Es gibt keine Endgültigkeit: das ist für mich eine Botschaft ihrer Werke. Die Künstlerin lädt uns ein, offen zu sein, für das, was kommen wird. Sie ist eine Suchende und Findende. Zeit: das ist für mich die andere zentrale Botschaft der Werke von Petra Lehnardt-Olm. Und so möchte ich mit ganz persönlichen Worten schließen: Seitdem ich sie kenne, bleiben meine verblühten Blumen länger auf dem Tisch stehen und: mein  Blick in den Spiegel ist wohlwollender geworden!

Damar Röpke M.A., Germanistin, 2013

EROTIK MANN
Dr. Matthias Brück, 2013

Dabei ist es schon erstaunlich, wie gerade bei den Photographien, die Schwarz-Weiß-Modellierungen eine fast magische, ursprungs-vitale Dynamik entfalten. Wie sich der Mensch, der Mann, aus dem Verhaftet-Sein mit der Natur zu lösen scheint.

Dr. Matthias Brück, Kunstvereins Wörth
im Alten Rathhaus Wörth am Rhein, 2013

Leben – Dialog mit der Natur
Christiane Hoff, 2011

Für die Künstlerin Petra Lehnardt-Olm ist Natur die Dialogpartnerin und die Zwiesprache zwischen beiden sehen wir hier übersetzt in ihre Bilder. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie diese Bilder entstanden sein könnten, und obwohl ich natürlich weiß, dass der Schaffensprozess das Geheimnis der Künstlerin bleiben wird, so bin ich doch überzeugt, dass er einer unerlässlichen Voraussetzung bedurfte: des inneren Schweigens.

Die Formulierung Der Natur abgelauscht drängt sich geradezu auf, denn nur dann scheint es mir möglich, die Zeichen der Natur verstehen zu können: ihre Töne – die im Wortsinne und die übertragenen als vielfältige Farbschattierungen, ihr Licht, das die unterschiedlichsten Stimmungen - auch in uns selbst - erschafft, und natürlich die vorgefundenen belebten und unbelebten Objekte. Die Antwort auf diese zahlreichen Gesprächsangebote der Natur ist die eigene, unverwechselbare Bildsprache der Künstlerin Lehnardt-Olm, und jedes ihrer Bilder spricht so ihre eigene Wahrheit aus. Und wie in einem guten Gespräch werden Gedanken aufgenommen und weitergesponnen oder Angebote werden gegeneinander gestellt, unter einem neuen Blickwinkel betrachtet und so verfremdet. Das alles hat Esprit in den Bildern von Petra Lehnardt-Olm, hat Ernsthaftigkeit und doch gleichzeitig auch Leichtigkeit, was natürlich Ausdruck ihres Könnens ist. (...)

Wir alle sind Teil eines großen unendlichen Naturkreislaufes, und wenn der Mensch mit fortschreitenden Erkenntnismöglichkeiten der klassischen Naturwissenschaften seit dem 20. Jahrhundert sich auch häufig als quasi außerhalb der natürlichen Welt stehend, gleichsam als allwissend begreift, so ist dies doch ein verhängnisvoller Irrtum, dessen Zeugen wir alle sind, denn dieser Irrtum hat weltweit zu Klimawandel und Klimakatastrophen geführt. Es muss demnach zu einem neuen Dialog zwischen Mensch und Natur kommen, gerade jetzt als einem Zeitpunkt, an dem die wissenschaftliche Entwicklung und die menschliche Zukunft so schicksalhaft miteinander verknüpft sind.

Alles Gedanken, die mir kommen, wenn ich als Betrachterin in einen inneren Dialog mit den Bild- Gesprächsangeboten von Petra Lehnardt-Olm trete. Oder ein anderer Aspekt: Auf dem Wege hierher heute Abend durch die höchst zugige neue Mitte Berlins am Potsdamer Platz, wo einem – zumindest bei diesen Temperaturen – der Wind gehörig um die Ohren pfeift, so dass einem unwillkürlich der Hölderlin-Vers „Im Winde klirren die Fahnen“ aus „Hälfte des Lebens“ in den Sinn kommt, wo Bäume verlassen als Solitäre in ansonsten versiegelte Flächen eingelassen stehen, da verweisen diese Bilder vielleicht auch ein wenig auf urbane Defizite, will heißen auf mangelnden Dialog mit der Natur von Städteplanern, jedenfalls in meinem Verständnis.

Insofern freut es mich als Kulturpolitikerin im Bezirk Mitte ganz besonders, dass Petra Lehnardt-Olm mit ihren Bildern inmitten dieses Glas- und Stahlrefugiums des Potsdamer Platzes eine andere Lebens- Sicht eingebracht hat. Auf ihre künstlerischen Dialogangebote habe ich mich gern eingelassen, und da das Wort Kultur ja vom lateinischen cultus kommt und Verehrung einer Gottheit, Hege und Pflege des Körpers und des Geistes bedeutet, weiß ich auch um die Verpflichtung, die Politik hat, diesen dialogischen Prozess zwischen Künstler und Rezipient zu hegen und zu pflegen. Dies ist häufig, aber eben nicht nur eine finanzielle Frage, auf jeden Fall aber ist es immer eine Frage des Zuhören-Könnens und –Wollens – dies auf beiden Seiten, denn nur so entsteht ein wirklicher Dialog. Und ich habe mich auch gefreut, über die Bilder von Petra Lehnardt-Olm einen weiteren Kultur- und Kunstort in meinem Bezirk kennen gelernt zu haben. Für ihre weiteren künstlerischen Arbeiten wünsche ich ihr Erfolg und viele dialogbereite Betrachter.

Christiane Hoff
Theaterwissenschaftlerin, Vorsitzende
des Ausschusses für Bildung und Kultur in Berlin Mitte, 2011

Leben
Dr. Karla Bilang, 2010

Die Künstlerin wendet sich dem Thema Leben in einem erweiterten, nicht allein auf den Menschen bezogenen Zusammenhang zu. Den Lebenskreislauf versteht sie als einen Naturkreislauf, in dem das Werden und Vergehen beständig stattfindet. Sinnfällig wird dieser Gedanke bereits in den früheren großformatigen Blumenbildern, in denen eine einzelne mehrfach vergrößerte Blüte die Entfaltung und das Vergehen des Lebens symbolisiert: Neben dem Bild „Erwachen“ (1997) mit der sich öffnenden Mohnknospe steht das Bild „unvermeidlich“ (2001) mit den verwelkten Blütenbl.ttern einer Tulpe. Erwachen und Absterben werden als Aktionen begriffen und groß ins Bild gesetzt. Das Absterben nimmt als Prozess der Formveränderung surreale Züge an, die bis zur Unkenntlichkeit gehen und zugleich einen eigenen ekstatischexpressiven Charakter tragen.

Das Motiv der Auflösung der Form und deren einheitlicher Oberfläche tritt so schon in der Malerei der früheren Bilder zutage. In den Bildern neueren Datums ist die Gegenstandsbindung von vornherein nur fragmentarisch vorhanden und kaum evident. Vielmehr ist ein malerischer Grund aus Farbklängen angelegt, auf dem sich dann zeichnerisch ein abstrakt-lyrisches Motiv entwickelt oder auch einzelne Tiere, beispielsweise ein Frosch oder ein Chamäleon, hervortreten können. Allen diesen neueren Bildern ist ein offenes Arbeiten und eine leichte Hand anzumerken. In ihnen wird Leben als etwas Fließendes, als eine ständige Veränderung, als ein Provisorium aus kostbaren Augenblicken dargeboten. Es gibt nicht das eine endgültige Lebensbild, in dem alles gesagt wird. Es gibt vielmehr unzählige Facetten und Bildmomente, in denen die Spuren des Lebens eingefangen werden. Zu diesen Spuren gehören das zufällig an einem Ort zu einer bestimmten Zeit gefundene kleine Etwas, ein Papierfetzen, ein Stück Zeitung, das Morgenlicht, die Nachtgedanken, die Farben der Sonne, der Erde, des Strandes. Die äußere und die innere Welt kommunizieren miteinander und lassen die rasch notierten Bilder in einem Schwebezustand zwischen Fantasie und Realität entstehen. Dieser leichte und entspannte Duktus ist in den Serien „Lebenszeit“ (2009), „Fundstücke“, „Sonnenzeichen“, „Reisebriefe“ (alle 2010) spürbar.

Die künstlerische Arbeit selbst wird als ein Prozess erlebbar, als ein Arbeitsvorgang in mehreren Schichten, die häufig durch Auskratzen und Riefen wieder freigelegt werden. So ist das archäologische Prinzip des Verdeckens und des Freilegens in den Schaffensvorgang integriert und es werden gewachsene Kulturschichten hinterfragt, Bestehendes wird wieder aufgelöst und Brüche werden sichtbar gemacht. Auch hierin ist unschwer ein Gleichnis zum Leben und zu den Lebensverläufen, sprich Biografien, zu erkennen.

Die Installationen mit Tierknochen stellen die Frage nach der Materie, die den physischen Tod am längsten überdauert. Aus der Forschung wissen wir, dass im Knochen der genetische Code des einstigen Lebewesens Jahrtausende überdauert und heute noch von den Spezialisten gelesen werden kann. So können selbst in einem winzigen Knochensplitter alle wesentlichen genetischen Informationen über das einstige Tier oder den einstigen Menschen gespeichert sein. Die Künstlerin collagiert einzelne Teile der Tierknochen und Schädel und erinnert damit an die Technik der Mumifizierung, die im alten Ägypten bei verstorbenen Personen und auch bei heiligen Tieren angewendet wurde. Der so mumifizierte Knochen wird mit Linien und schriftähnlichen Zeichen versehen – ein Hinweis auf die Funktion des Knochen als Informationsträger.

Schädel, Skelett und Knochen sind ebenso wie Pflanzen oder Stundenglas typische Attribute der Vanitas- Allegorie, die in der abendländischen Kunst speziell im Mittelalter und im Barock anzutreffen war. Vor allem in Zeiten der Pest kam es zu häufigen Darstellungen der Totentanz-Thematik. So gesehen greift die Künstlerin mit ihrer Lebenskreisthematik einen traditionellen Motivkanon unserer Kultur auf, der durch die aktuelle Medien- und Unterhaltungskultur meistenteils ausgeblendet wird. Insbesondere mit den Möglichkeiten der künstlerischen Fotografie geht Petra Lehnardt-Olm den weitgehend tabuisierten Themen wie Alterung, Tod und Verfall nach. Hier ist die Konfrontation oft unmittelbar und provozierend; andererseits weiß die Künstlerin durch die Wahl des Ausschnittes dem Thema gerecht zu werden.

Dr. Karla Bilang, Kunstwissenschaftlerin, 2010

Hautnah
Petra Severin, 2003

Ausschnitthaft werden Details auf große Formate gebannt, Überreste von Tieren, Bäume und menschliche Körper unter die Lupe genommen. Dabei macht der Gegensatz, kleine Dinge, Ausschnitte großformatig zu inszenieren, den eigentümlichen Reiz der Bilder aus.

Dass die Bilder dennoch nicht distanzlos wirken, hat mit dem Blick zu tun, den die Künstlerin auf Bäume, Tiere und Menschen wirft. Der Blick hat nichts Glattes oder Geschöntes, trotz aller Nähe nichts Sezierendes oder Bloßstellendes. Zum einen sind nicht - wie bei einer realistischen Darstellung - alle Einzelheiten zu erkennen, zum anderen vermitteln z.B. kühle blaue und violette Töne die nötige Distanz. Die Farbe hält auf Abstand. Zusätzlich muss der Betrachter Abstand vom Bild nehmen, wenn er die Motive erkennen möchte. Er stellt also selber die Distanz her, die der Gegenstand im Bilde braucht, um wieder als Ganzes wahrgenommen zu werden.

Dabei ist nicht nur der Tonwert der Farbe entscheidend. Statt mit graphischen Linien strukturiert die Malerin die Oberfläche der Gegenstände mit einzelnen Farbfeldern, die sich erst durch die Entfernung im Auge des Betrachters zusammensetzen. Und noch eine Funktion hat die Farbe: sie schafft Stimmungen und Atmosphäre über den ihr jeweils zugeordneten Tonwert. Nehmen wir z.B. die Eidechse: losgelöst von irdischer Schwere schwebt das Skelett im Raum. Einzelne Körperteile wiederholen sich fragmentarisch im Hintergrund in sphärisch klingenden Grüntönen.

Anderen Tiermotiven fehlt der Eindruck von Leichtigkeit. Sie dokumentieren eher einen Status der Verwesung. Gekrümmt, gebogen, platt mit aufgeplatzter Haut werden sie in den verschiedenen Stadien ihrer Vergänglichkeit gezeigt. Der überrollte Frosch mit aufgerissener Hülle, die das Muskelfleisch freilegt, das als erstes zersetzt wird und am Ende steht das Skelett, das als letztes zu Staub zerfallen wird. Sie sind ihrer Haut entledigt, schutzlos dem Prozess der Auflösung ausgeliefert. Denn die Haut, die physische Grenze zwischen Körper und Umwelt, ist nicht mehr intakt oder bereits gänzlich verschwunden.

Was vom Leben übrig bleibt: die schrumpelnden, müllreifen Überreste üben eine magische Anziehungskraft auf Petra Lehnardt-Olm aus. Als aufgelesene Impressionen ins Bild gesetzt, unter dem besonderen Blickwinkel der Künstlerin entwickeln sie eine bizarre Schönheit. Den so dargestellten Lebewesen wird damit auch in Bezug auf ihre vergängliche Seite Respekt gezollt. (...)

In der Gestaltung ihrer Oberfläche - der pflanzlichen Haut - aber zeigt Petra Lehnardt-Olm - parallel zu den tierischen und menschlichen Körpern - deren ureigensten Lebensspuren, die sie mit Fragmenten aus selbstverfassten Texten verwebt, so dass sich im Bild Worte als Spuren ihrer Selbst visualisieren. Die Künstlerin erliegt der Faszination des Lebens mit all seinen Äußerungen und seinem Wandel, der Narben und Zeichen auf der Außenhaut eines jeden Lebewesens hinterlässt. Auf der Haut wird alles sichtbar: wie wir leben, was wir essen, was wir fühlen. Mit wachem Geist und wachen Augen betrachtet sie mit liebevoller Leidenschaft die Natur und ihre Lebewesen und nimmt dadurch mehr als nur ihre Oberfläche wahr. Für sie ist die Vergänglichkeit unabdingbarer Bestandteil des Lebens - bei dem am Ende nichts wirklich vorbei ist, sondern sich nur in Erscheinungsform und Bestimmung ändert. Für sie und ihre Kunst gilt uneingeschränkt der Satz von Henri Matisse: “Wenn wir von Natur sprechen, dürfen wir nicht vergessen, daß wir ein Teil von ihr sind und dass wir uns selbst mit der gleichen Neugierde und Offenheit betrachten sollen, mit der wir einen Baum, einen Himmel oder einen Gedanken studieren, den wir sind an das ganze Weltall gebunden.”

Petra Severin, Kunsthistorikerin, 2003

 

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