Tagesspiegel:

Zwei menschliche Augen und eine einäugige Kamera schauen uns an. Die menschlichen Augen sind die der international renommierten Fotografin Petra Lehnardt-Olm. Das Kameraauge ist das einer Canon EOS 6-D. Die Canon ist das Arbeitswerkzeug der 1963 im Hermsdorfer Dominikus-Krankenhaus geborenen Petra Lehnardt-Olm. Sie lebt in der Borsig-Siedlung in Heiligensee, ihr Vater ist Borsianer, er hat bei der Maschinenfabrik in Tegel gelernt.

Das Thema „Reinickendorfer Industrie“ ist der wachen Künstlerin also quasi von Geburt an nahe. Seit 1988 hatte sie Ausstellungen in Frankreich, Polen und Deutschland. Außer in Europa hat sie auch in Afrika und Mexiko gearbeitet. Sie legt Wert darauf, dass ihre Kunst keine manipulierte Präsentation der abgebildeten Gegenstände und Landschaften ist. Sie arbeitet nicht mit Kunstlicht und nur mit einmaligen Belichtungen. „Motive werden gefunden“, erklärt sie mir in der dunklen Ausstellungshalle auf dem Gelände der Wilhelm-Hallen in der Kopenhagener Straße nahe dem S-Bahnhof Wilhelmsruh.

Hier sind wir mitten im Leben und mitten im Sterben der Berliner Industrie. Um deren Spuren, denen der Fabriken und denen der Arbeit, geht es bei einem Ausstellungsprojekt des „Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs“, das es sich zur Aufgabe gemacht, diese Spuren der Vergangenheit zu sichern und zu dokumentieren.

Mit Führungen durch die einstige industrielle Kernlandschaft Berlins, vorbei an morbide wirkenden Backsteinkulissen vergangener Größe, wird daran erinnert, wo zehntausende von Menschen zwischen 1900 und 1991 gearbeitet haben. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Die West-Berliner Industrie wurde in den Jahren der deutschen Teilung durch erhebliche Zuschüsse des Bundes am Leben erhalten.

Als die Mauer gefallen war, stoppte die Bonner Bundesregierung alle Gelder Knall auf Fall. Für manche Berliner wirkte das vor 30 Jahren wie die Bonner Rache für das Hauptstadtvotum zugunsten Berlins. Fakt ist, dass hier eine der Ursachen der wirtschaftlichen Krise des vereinten Berlin in den Jahren zwischen 1993 und 2000 liegt.

  • Mehr dazu steht im heutigen Wirtschaftsteil des Tagesspiegels, wo ich die Geschichte der Reinickendorfer Industrie skizziert habe: hier mein Text.

Was bringt eine lebensfrohe Frau wie Petra Lehnardt-Olm (sie ist seit fast 20 Jahren begeisterte Tango-Tänzerin) dazu, sich solchen eher tristen Objekten wie verfallenden Industrieanlagen zu nähern? Sie hat dazu eine philosophische Antwort: „Die Wertschätzung all dessen, was uns umgibt, sowie die Vergänglichkeit als willkommener Prozess tiefgründiger Schönheit sind wichtige Kriterien meiner Arbeit“. Die nachdenklich stimmenden Texte zu den Fotos hat die Historikerin Ute Pothmann geschrieben.

Bei der Eröffnung am Mittwochabend werden Uwe Brockhausen, SPD, Bezirksstadtrat für Wirtschaft und Soziales, sowie Björn Berghausen, der Geschäftsführer das Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs, reden. Und es wird Musik geben, das freut mich besonders: Eine akustische Interpretation der Ausstellung wagen Bardo Henning, Akkordeon, und Conny Ottinger, Saxophon.

Ausstellungsdauer bis zum 4. September, geöffnet Montag bis Freitag von acht bis 17 Uhr und am Samstag von acht bis 13 Uhr. Wilhem-Hallen in 13407 Berlin-Reinickendorf, Kopenhagenerstr 60-68.

 

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